Gesamtarbeitsvertrag (GAV) in der Schweiz
Der Gesamtarbeitsvertrag ist das wichtigste kollektive Arbeitsrechtsinstrument in der Schweiz. Er bestimmt Mindestlöhne, Ferien, Arbeitszeiten und Sozialleistungen in ganzen Branchen. Für Arbeitnehmende in Bau, Gastgewerbe, Gesundheitswesen oder Detailhandel ist der GAV oft relevanter als das Obligationenrecht.
- GAV: Vertrag zwischen Arbeitgeberverband und Gewerkschaft für eine Branche.
- Allgemeinverbindlichkeit: Bundesrat kann GAV auf alle Betriebe einer Branche ausdehnen.
- Mindestlohn: viele GAV legen Mindestlöhne fest (z.B. Bau CHF 5 500/Monat).
- Geltung: vorrangig vor Einzelarbeitsvertrag, soweit günstiger für Arbeitnehmende.
Was ist ein GAV und wer schliesst ihn ab?
Ein GAV (Gesamtarbeitsvertrag) ist ein kollektiver Vertrag zwischen Arbeitgeberverbänden (z. B. Baumeisterverband) und Gewerkschaften (z. B. Unia). Er regelt Arbeitsbedingungen für eine ganze Branche und gilt für alle Arbeitgeber, die dem Verband angehören. Der GAV kann auf Antrag der Parteien vom Bund oder von einem Kanton allgemeinverbindlich erklärt (AVE) werden, dann gilt er für alle Betriebe der Branche im festgelegten Gebiet, auch ohne Verbandsmitgliedschaft.
Wichtige Schweizer GAV
Zu den bekanntesten allgemeinverbindlichen GAV gehören: der Landes-GAV Gastgewerbe (L-GAV, rund 220 000 Arbeitnehmende), der Landesmantelvertrag Bau (LMV), der GAV Personalverleih und der GAV Reinigung. Überprüfen Sie unter gav.ch (SECO-Datenbank), ob für Ihren Betrieb ein GAV gilt. Arbeitgebende in GAV-Branchen müssen Arbeitnehmende über den anwendbaren GAV informieren.
GAV vs. Einzelarbeitsvertrag
Der Grundsatz des Günstigkeitsprinzips regelt das Verhältnis: Der individuelle Arbeitsvertrag darf nie schlechter sein als der GAV, andernfalls wird die GAV-Regelung automatisch angewendet. Enthält der GAV etwa einen Mindestlohn von 4 000 CHF und der individuelle Vertrag 3 800 CHF, gilt 4 000 CHF. Umgekehrt darf der individuelle Vertrag grosszügiger sein als der GAV.
In AVE-Branchen wie Bau und Reinigung führen paritätische Kontrollkommissionen regelmässige Lohnkontrollen durch. Verstösse können mit Konventionalstrafen von mehreren tausend Franken geahndet werden. Arbeitnehmende, denen zu wenig Lohn ausbezahlt wurde, können Nachzahlungen zivilrechtlich einfordern, rückwirkend bis zu 5 Jahren.
Häufige Fragen
Wie weiss ich, ob ein GAV für meine Stelle gilt?
Prüfen Sie erstens, ob Ihr Arbeitgeber einem Arbeitgeberverband angehört, der einen GAV abgeschlossen hat. Zweitens, ob der GAV allgemeinverbindlich erklärt wurde (SECO-Datenbank gav.ch). Drittens: Fragen Sie HR oder schauen Sie in den Arbeitsvertrag.
Was passiert, wenn ein Arbeitgeber den GAV nicht einhält?
Verstösse gegen allgemeinverbindliche GAV können von paritätischen Kontrollkommissionen (PK) geahndet werden. Arbeitnehmende können Fehlbeträge zivilrechtlich einklagen. Kontrollen durch Behörden sind in bestimmten Branchen (Bau, Reinigung) häufig.
Kann man individuell bessere Bedingungen als den GAV aushandeln?
Ja. Das Günstigkeitsprinzip erlaubt bessere individuelle Vereinbarungen. Übliche Beispiele: zusätzliche Ferienwochen, höherer Lohn als GAV-Minimum, flexible Arbeitszeiten über GAV-Standard.
Wie lange gilt ein GAV und was passiert nach Ablauf?
GAV werden typischerweise für 2–5 Jahre abgeschlossen. Nach Ablauf können sie verlängert, neu verhandelt oder gekuendigt werden. Während eines Verhandlungsunterbruchs (nachvertragliche Phase) gelten die GAV-Bestimmungen weiterhin als Vertragsinhalt, bis ein neuer GAV in Kraft tritt (sog. Nachvertragseffekt). Gilt kein GAV mehr, gelten die gesetzlichen Mindestbedingungen aus OR und ArG.
OR Art. 356 ff. (GAV) · SECO (gav.ch) · admin.ch